AGROS AG und Mitarbeiter mit “Schlitzen in den Ohren” – Kapitel 1 von vielen

Tja, manch einer der Bäuerlein, wie zum Beispiel Helmut Schwarzbach oder auch Heinz Müller und Wilfried Starke mag sich 1992 verwundert gefragt haben, was macht der TIH-445 Bediener (Baggerfahrer) eigentlich im Aufsichtsrat der Agros AG. Der ist doch eigentlich keiner von den “Großkopferten” oder den “Wiken”, wie kommt der dorthin?

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(Helmut Krause kürzte Bolschewiken auf  “Wiken” herunter, wenn er es brüllte, weil irgend eine SED-Delegation den Acker betrat um irgend eine FDJ-Wanderfahne unserer FDJ-Jugendbrigade pressewirksam zu überreichen. Wir waren keine FDJ-Jugendbrigade und Helmut damals um die 50. “Achtung, die Wiken kommen”, brüllte er dann lautstark, wenn sie in Hörweite waren. – Bedröppelte Gesichter, aber passiert ist nie etwas.)

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Etwas später dürfte dann die Frage aufgekommen sein: warum ist der Fontaine nun im Vorstand der AGROS AG? Da staunte selbst der “Wike” und Hauptbuchhalter Helmut Böhme, manchmal auch liebevoll “Pfeifenwichs” genannt.

Nun ist langsam die Zeit gekommen, die Karten aufzudecken, niemand der handelnden Personen kann noch haftbar gemacht werden, so hoffe ich zumindest und ich selbst habe mir nichts vorzuwerfen. Helmut Böhme übrigens auch nicht. Der hat mich nach einem Jahr abtesten wohl sogar geschätzt und ich ihn auch. Er war in erster Linie Hauptbuchhalter und nur nebenamtlich Kommunist. Vorurteile können manchmal falsch sein. Aber zu Helmuts Tests kommen wir später. Manche werden das dürre Männchen mit der Pfeife, was viel zu früh gestorben ist, ja noch kennen. Der mit “den Schlitzen in den Ohren” zum Beispiel.

Aber nun fangen wir mal mit der Geschichte an. AGROS AG* war anfänglich eine mit dem Vermögen von vier beteiligten LPGen -nach dem TREBAG (TREAC)-Konzept (Kosten dafür mehrere 100TDM)- neu gegründete Aktiengesellschaft. Die Gründung erfolgte am 1.11.90 mit großem Buhei in der Görlitzer Stadthalle. Ungefähr 3500 LPG-Mitglieder wurden mit allem was Räder hatte hingekarrt. Frieda Hänsch, Elfriede Rößler und die LPG-Rentnerbrigade waren auch da. Vermutlich haben sie auch bei Veranstaltungsende -in guter Tradition- Blumendekoration und Schnittchen in ihren abgrundtiefen Handtaschen versenkt.

Aufsichtsratsvorsitzender wurde der TREAC Chef Herr Jüdemann, Dr. Gisbert Flammiger war das von der LPG(P)Gemüse abgesandte Aufsichtsratsmitglied, den Rest kenne ich nicht. Ich habe die Herren des ersten Aufsichtsrates nebst Jüdemann höchstens kurz bei der Gründungsversammlung erblickt und auch den späteren Vorstand Heinz Warzecha nicht live erlebt. Die Agros solle ein Modell für die Landwirtschaft im Osten sein, verkündete Herr Jüdemann bei der Gründungsversammlung in der Görlitzer Stadthalle. Blühende Landschaften und 10% Dividende bereits im ersten Jahr sollte es geben und alle die nicht mitmachen sind blöd. Es machten nur wenige nicht mit. Bis spätestens zum 31. Dezember 1991 mussten sich die ehemaligen Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften (LPG) in andere Betriebsformen umwandeln. So verlangte es eine der vielen Fassungen des Landwirtschaftsanpassungsgesetzes.

Insgesamt wurden 300.000 Aktien im Nennwert von je 50DM bereits irgendwann im Frühjahr 1990 an die vier LPGen ausgegeben. Die LPG-Bilanzen bildeten den Maßstab der Aktienanteile der LPGen. Die LPGen verteilten diese Aktien dann nach einem Aktienverteilschlüssel der Arbeitsleistung, Inventarbeitrag und Landnutzung berücksichtigen sollte, im Laufe des Jahres 1990 auf ihre Mitglieder. De facto wurschtelten alle LPG´s schon als AGROS ab dem Sommer 1990. Dr. Gerhard Anton machte den Chef und auch Jüdemann kreiste. (einmal musste ich wenigstens Gerhards Doktortitel, den er in einer sehr späten Promovation über  Wirtschaftswege und Bewässerungsanlagen erwarb, erwähnen.)

Auch die restlichen Posten waren weitgehend im Vorfeld verteilt. Auch “mein Brigadier” von VB 12, Heinz Müller wurde damals gefragt, ob er eine “Transportbrigade” führen wöllte. Er wollte nicht. So kam es, dass niemals eine “Transport” GmbH mit 100% AGROS Beteiligung entstand. Aber immerhin konnten wir mal herzlich lachen. Sieben ZT 300/303 und 12 “Russen” MTS 50/80 wären samt 40 Hängern der Rücken der “Transport” Gmbh gewesen, ein T174 war der einzige brauchbare Bagger. Mein TIH 445DH war eine Umweltsau und der “Zwiebelzieher” T157 eine Zumutung.

Viele wussten wie viele Aktien sie haben, einige nicht. Aber alle eilten jedes Wochenende nach Schönbach, wo ein Pyramidespiel im Gang war. Lothars Kollege Gerhard Friedrich hatte gewonnen. Lothar Natschke hatte auch schon 16.000 gewonnen und natürlich gleich wieder jeweils 2.000 in mehrere Pyramiden eingezahlt. Bauern sind ein gieriger Menschenschlag. Ich habe alle die die Reise nach Schönbach damals antraten gefragt, ob sie glauben, dass die Dummen niemals alle werden. Günter Renger “Weiber Renger” genannt, winkte ab. “Da kann nichts schiefgehen” meinte er. Drei Wochen später wurden die Dummen knapper. Das große Jammern begann. “Vorvorige Woche war ich schon auf Platz drei, und jetzt am Sonnabend war ich immer noch auf Platz 3, jammerte “Weiber-Renger”, mein Brigadier Nummer 2. Die böse SZ berichtete über das Pyramidespiel in Schönbach. Danach war natürlich der Ofen ganz aus. “Die SZ ist schuld” lautete das Fazit der Geschröpften.

Am 1.11.90 erfolgte die offizielle Gründung der Agros Agrarprodukte Aktiengesellschaft, alle Posten waren verteilt und mussten nur noch pro forma abgenickt werden. Das geschah, es gab keine Überraschungen. Der Vorstand und der Aufsichtsrat wurden im Paket bestätigt. Die Mitglieder der vier LPGen hatten die AGROS gegründet und die LPGen waren erloschen, lautete die damalige Vorstellung. Die Banken hielten sich hinsichtlich Krediten spätestens ab da an die AGROS. Das Geschäftsjahr ging von 1.7. bis 30.6. des Folgejahres. Die SZ feierte den wichtigen Schritt in die richtige Richtung.

Nun könnt ihr euch vielleicht ausmalen, was in Jahr eins passierte. Tausende nunmehr Arbeitnehmer kosteten Geld. Absatzmärkte außerhalb des LPG-Konstruktes zu finden wurde schwierig. Und Helmut Böhme kämpfte mit seiner Tippstreifenmaschine ungefähr 2 Monate an einer Konzernbilanz. Habe ich selbst erlebt. Danach erfolgte eine erste Besprechung im Vorstand. Dort habe selbst ich als doofer Baggerfahrer noch Fehler gefunden, die dem Rest nicht auffielen. Helmut war überrascht. “Ja das ist falsch” räumte er damals geknickt ein. Danach Korrekturen, Ende Monat 4 nach Bilanzierungsdatum wurde ungefähr die Bilanz vom Vorstand bestätigt und in der Regel an Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Dr. Steinebach und Partner, Bad Soden, Taunus geschickt.

Ob es in Jahr eins so lief – keine Ahnung, aber Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Steinebach begleitete Agros Jahrzehnte, vielleicht sogar bis zum Schluss. Steinebach hatte das Werk also kurz vor Weihnachten und bastelte an seinem Prüfbericht. Die Hauptversammlung wurde vorbereitet, sie erfolgte in der Regel Anfang April. Also wussten die Birnen um Jüdemann ungefähr jeweils am ersten September über ihre Schieflage annähernd Bescheid. Warum keine moderne Buchhaltungssoftware nebst leistungsfähiger Technik und versiertem Bediener angeschafft wurde, ich weiß es nicht. Trebag und Treac, also Jüdemann, stellten die Weichen.

Ich kann mich noch an ein Gespräch 1989 mit Gerda Schilling erinnern – damals waren runde Tische ja inn. Auch ich nahm teil. Wiesner von den Gärtnern auch. Man hatte mich geladen. Oh, wie Gerda quietschte, als ich sinngemäß sagte, “wir müssen uns doch im Klaren sein, dass ungefähr die Hälfte der Leute entlassen werden wird. Wollen wir es nicht so schnell wie möglich tun, damit die Entlassenen noch die Chance haben woanders unterzukommen?” Das ginge nicht das wäre völlig unmöglich, das können wir doch nicht machen. 60jährige auf die Straße setzen…
Ganz großes Zetern. Auch als ich erwähnte man könne über sechzig jährigen doch zunächst mal den Lohn erhöhen und sie dann mit Staates Segen in die Rente schicken. Kein Weg. Gerhard Anton oder gar ein Herr Jüdemann hat an solchen “Kaffeekränzchen” nicht erst teilgenommen. Zu beschäftigt.

Auch als ich Wochenendseminare der Hanns Seidel Stiftung zu Wirtschaft und Landwirtschaft anbot, war man im Vorstand zu beschäftigt, aber ich könne das gerne mit der Hasenberg Küche direkt aushandeln, ließ mich Gerhard Anton damals 1989 wissen. Das tat ich und veranstaltete zwei Wochenendseminare. Die Referenten brachte ich im Oybiner Hof unter. Die Küchenweiber der Hasenberg Küche fielen vom Stuhl, als der von mir vereinbarte Preis (5 Mark je Mittagessen, ungefähr 50 Leute waren da) 1989 in DM beglichen wurde. Das hatte ich nämlich nicht erwähnt. Hinterher habe ich dann noch mit LMR Dr. Dr. Görgmaier vom bayerischen Wirtschaftsministerium eine Besichtigung der Olbersdorfer Grube gemacht und ihm einen Fahrversuch mit meinem Trabbi gegönnt, bevor ich ihn beim Oybiner Hof ablieferte. Auch der Oybiner Hof erlebte diese angenehme Überraschung mit dem Geld. Plötzlich fand es Gerhard schade, dass er nicht da war. Günter Michna vom Oybiner Hof hatte ihn nämlich vermutlich postwendend informiert. Aber auch Dr. Peter Wackerl vom bayerischen Landwirtschaftsministerium zwei Wochen später hat er verpasst. Naja irgendwie verständlich. Jüdemann wusste ja alles (besser).
Ich habe, glaube ich, vier Jahre von den Disketten mit den Kontaktadressen zu diversen Ministerien, Handwerkskammern und Beratungsstellen gelebt und viele Kleinunternehmer, Neugründer und auch Bäuerlein glücklich gemacht.

Aber noch zur Gründung der AGROS. Das Registergericht änderte erst 1993 seine Auffassung und ging ab dann von einer “Umwandlung” der LPGen aus. Die Eintragung als vollwertige AG erfolgte wohl erst 1996. Aber das hat wenig mit dem Gesamtpaket zu tun. Eigentlich waren nämlich solche Konstrukte politisch nicht gewollt.

Den ersten Vorstand der Agros stellten Gerhard Anton (LPG Gemüse Zittau), Wilfried Lucke (LPG “Einheit” Schlegel), Ludwig Tempel (LPG Milchproduktion Oberseifersdorf), und Rehnisch von LPG (T) Wittgendorf-Eckartsberg war auch mit dabei, ob sonst noch jemand drin saß weiß ich nicht. Gerhard Anton war Vorstandssprecher. Im ersten Geschäftsjahr, also wohl in den sechs Monaten ab Gründung erwirtschaftete man fröhliche 13,5 Millionen D-Mark Verlust. Auch das zweite Geschäftsjahr 91/92 verschlang weitere 9 Millionen. Hinzu kam ein arroganter Umgang mit den “Landeinbringern” durch die ehemaligen LPG Chefs (die als Vorstand der Agros AG firmierten), welcher mich 1992 in den Aufsichtsrat spülte.

Die vier Vorsitzenden der ehemaligen LPG´s hatten damals einfach überzogen und teilten den “Landeinbringern” nach dem Prinzip friss oder stirb mit, wieviel Pacht nun fließen würde. “Du willst nicht mitmachen? Du wirst Dich noch umgucken.” Hörten auch diejenigen die nicht bei einer Agros mitmachen wollten. Kündigungen der Mitgliedschaft vor AGROS-Gründung gab es einige. Viele Kündigungen gab es nach AG-Gründung, als die treusten Gründungsenthusiasten, die Abteilungsleiter und Brigadiere der LPGen nämlich entdeckten, dass das Trebag-Konzept nicht funktioniert, kündigten sie schnell und fristgerecht lt. LAG nach Gründung. Vermögenswerte ihrer bisher erfolglosen Agros-Tochterunternehmen nahmen sie gleich mit in ihre neue Selbständigkeit. Erfasst wurde wenig. Eine “Verkaufskommission” mit Gerd Kahlert an der Spitze bewertete und verscherbelte vorwiegend die Technik, also Hänger und Traktoren an Auserwählte. Bearbeitet wurden alle Kündigungen erst ab Anfang 1992 durch Herrn Schurig. Ich hatte dann 1992 zusammen mit Herrn Schurig das “Vergnügen” im Nachgang zu niedrig angesetzte Preise für Hallen, Futtermittelbestände und Viehbestände auf annähernd marktübliches Niveau zu korrigieren. Die Drohung mit dem Rechtsweg half zumindest bei Hartmut Neumann und seiner “Landgut Eckartsberg” GmbH.

Ehrhard Krusekopf schaffte es in Gesprächen immer echte Tränen laufen zu lassen. Oh, wie hatte ihn die LPG betrogen und auch “Blumen am Markt” ist eine Ruine. Den Mitsubishi Canter mit Klimakoffer würde er übernehmen. Als ich dann einen in meinen Augen marktüblichen Preis nannte vergrößerte sich der Tränenfluss beträchtlich. Nein, da wollte er ihn nicht. “Schlüssel und Papiere bitte” habe ich damals nur gesagt. Ich glaube, er hatte ihn dann recht zögerlich bei “Vorzimmerlöwe” Frau Annemarie Klaus auf den Tresen gepackt. Ab da hatte AGROS wenigstens ein Transportmittel.

Sch..- wie hieß der Rehnisch eigentlich mit Vornamen, Bernd vielleicht… Na egal. Tot sind die vier vermutlich alle schon. Helmut Böhme auch. Beileid an die Hinterbliebenen. Das meine ich ehrlich. Keiner der damals Handelnden tat es wohl in böser Absicht.

Ab 1990/91 gaben sich “Investoren” wie ein “sympathischer Unternehmer mit Schwielen an den Händen” (O-Ton Jana Ulbrich von der SZ), sowie ein dubioser Weinhändler Schmidt und einige Viehhändler die Klinke in die Hand. “Berater” wie Herr Jüdemann von der Berliner TREAC, die eine Tochter der Münchener TREBAG war, taten ein übriges. Eigentlich war da schon die Auflösung der frisch gegründeten AGROS AG nebst der zwölf oder dreizehn Tochterunternehmen in vollem Gange. Herr Nestler, der sympathische mit den Schwielen hatte den Stützpunkt Eckartsberg sowie die Werkstatt an der Löbauer Straße komplett vereinnahmt und trieb als HVI GmbH einen schwunghaften Handel vorwiegend mit Anhängern der LPG´s. Auch neue Traktoren wollte er handeln. Natürlich legte Nestler einen Konkurs hin, der von HVI übernommene ehemalige technische Leiter der LPG Hans Günter Richter machte dann den überforderten Konkursverwalter. Schaden für AGROS, die 48% an HVI besaß 2,1 Millionen D-Mark. Nestler und Anton mit je 26% haben, glaube ich, nie eine müde Mark von ihrem Konkursanteil gezahlt.

Auch die anderen Tochterunternehmen, bis auf die “Silberhalle”, welche glaube ich von Inge Pfohl geleitet worden war, schrieben rote Zahlen. Geschäftsführer waren in der Regel die ehemaligen Abteilungsleiter der verschiedenen LPG-Bereiche. Die “Miku” war im Auflösungswahn der Jüdemann Truppe irgendwie privatisiert worden und bewirtschaftete mietfrei die Milchviehanlage Oberseifersdorf nebst Futter- und Rinderbestand. Anteilseigner waren unter anderem Ehrenfried Zücker und Arnd Schröter. Sie nutzten die Kühe und das Futter der AGROS AG, und irgendwann 1992 erfolgte eine Verrechnung im Rahmen der Vermögensauseinandersetzung. Einige tausend Kühe blieben verschwunden. Gerd Kahlert und andere berichteten mir damals von seriös wirkenden Tierhändlern die in Gerhards Dunstkreis eingeschwebt waren. Auch Kartoffeln wurden verlustreich über die Bühne gebracht. Die gingen wohl dank Berthold Schmidt nach Rumänien oder wo auch immer hin. Irgendwie vergaßen die Händler häufig zu zahlen. Aufsichtsratsvorsitzender Jüdemann und seine tapferen Aufsichtsräte planten eine reine Vermögensverwaltungsgesellschaft zu werden. Natürlich setzte er es schon vorher ohne entsprechendem Hauptversammlungsbeschluss um. Wir Mitglieder erfuhren es aus der SZ, als es eigentlich schon zu spät war. Die AGROS Immobilienverwaltungs AG wurde nie Wirklichkeit. Unser Misstrauensvotum hatte es verhindert. Der erste AGROS-Vorstand hatte sich in Wohlgefallen aufgelöst. Das TREBAG-Konzept für die Umwandlung, was goldene Berge versprach, war halt nur Makulatur gewesen. Die TREBAG schickte Heinz Warzecha,

An den Aktionären vorbei sollte nun die sogenannte Primärproduktion privatisiert werden. Für diesen Job holte Jüdemann einen zweiten Trebag-Mann nach Zittau: Heinz Warzecha, den einstigen DDR-Vorzeige-Manager beim Maschinenbau-Kombinat »7. Oktober«. Warzecha rückte in den Vorstand, und das hat sich für ihn und die Trebag gelohnt: Das Honorar betrug 25 000 Mark im Monat, seine vier Kollegen, die ebenfalls in Agros-Diensten standen, begnügten sich mit je 2500 Mark…

Stumm sitzen fast 600 Oberlausitzer Bauern, alle Aktionäre der Agros Agrarprodukte AG, in der buntgeschmückten Halle des Zittauer »Top«. Sie sagen nichts. Sie hatten nie etwas zu sagen.

Vorn redet einer, der schon immer große Reden gehalten hatte: Heinz Warzecha, 62, der scheidende Agros-Vorstand, einst mächtiger Generaldirektor eines DDR-Kombinats.

»Der Sinn des Kapitalismus«, sagt Warzecha, »ist Geld zu verdienen, viel Geld.« berichtet im April 1992 der Spiegel

Der Spiegel berichtet weitgehend gut, nur in einer Sache irrt er. Ein Großteil der 600 Bauern war überfordert. Keiner hatte sich jemals damit beschäftigt, was eine Aktiengesellschaft ist. Also dachte der Großteil das wäre wie bei der LPG, alle Stimmen zählen gleich. Vollmachten einsammeln machte nur Arnd Schröter in Größenordnungen. Wenige dachten über die Folgen von Beschlüssen nach. Das AG Gesetz kannte wohl nur einer, nämlich ich. Ich hatte mir extra 1990 ein Exemplar gekauft.

Hinzu kam ein tiefsitzender Frust bei einigen über die “Enteignungen” in den 1950er Jahren. Manche hatte man wirklich damals in die LPG´s gezwungen oder genötigt. Natürlich gab es auch andere für die die LPG die Rettung war.

Ernst Heinze aus Hirschfelde hatte mir dazu viel erzählt, als er mich 1992 wegen des Pflichtinventarbeitrages bei Agros besuchte. Sein Anliegen war außerdem das “Feldinventar”. Ich habe ihm damals nicht viel Hoffnung gemacht. Es war in den 1950ern nur selten erfasst worden, was auf den Feldern bei Übergabe an die LPG stand. Ich kann nur annehmen, dass sie sich bei “Einbringung” jeweils in einem jahreszeitgerechten Zustand befinden mussten. In diesem Zustand kamen die Felder auch zurück – jahreszeitgerecht. Und auch da hatte wieder einmal keiner erfasst, welchen Zustand es gab oder welchen Wert das Feldinventar bei Rückgabe verkörperte. Das war nun das Anliegen von Ernst Heinze, 1950 hatte er der LPG ein Feld mit “herrlichen Lupinen” gegeben und zurück bekommen hatte er nun 1991, als AGROS hinwarf, einen gepflügten Acker. Ich vermute mal irgend eine der plötzlich privatisierten GmbHs, vermutlich die, die ihn damals als 100%ige AGROS-Tochter bestellt hatte, wird das Feld halt abgeerntet und gepflügt haben, nach dem Motto, die Ernte holen wir uns. So war es im großen und ganzen 1991 auf rund 7000ha verlaufen.

Frühjahr 1991: Frau Kreutzer suchte mich empört mit ihrem “Landpachtvertrag” auf (ich war in der DSU aktiv) und so wurde ich Mitglied der Opposition. Der angebotene Pachtpreis war eine Frechheit. Aber das passte zur Mentalität der damaligen LPG-Bosse, die sich nun AGROS-Vorstand nannten. Ich konferierte mit den Mitverschwörern oft bei Rolf Heidrich, der eigentlich fast Gerhard Anton sein Nachbar war, Luftlinie waren es um die 500m.

Ja, auch ich hatte Gerüchte über Nechen gehört. Ein ehemals volkseigenes Gestüt in dem Gerhard Anton angeblich nun investiert war. Danach gab es wohl Drohungen von irgendwem, den 60. Geburtstag erlebe er nicht, irgend ein Pferdegeschäft war wohl schiefgelaufen. Dann gab es Schüsse durchs Schlafzimmerfenster, niemand wurde verletzt. Gerhard schaffte den 60. Damals fuhr er Jaguar. Ehrenfried Lucke betrieb in Schlegel einen Holzhandel und “eine dubiose Baumkuchenproduktion” und verbrannte Akten. Schweine mästete man in der Schlegler Schweinemastanlage schon lange nicht mehr. Der “Schwiegersohn von Anton” der mit der Tochter von der Vogeln, du weißt schon, ist auch nicht astrein. Alles Dinge die so rumgingen.

Der mit der Tochter, ein Weinhändler namens Berthold Schmidt, war nicht astrein, er verschwand dann, als die Polizei ihn suchte mit der Tochter gen Polen. Vermutlich in seinem rosa Cadillac. Mit ihm verschwanden für Agros einige Hunderttausend. Also eher Peanuts. Berthold hatte wohl außer Wein auch noch dubiose Zollgeschäfte in Sachen Mehrwertsteuer und Kartoffelexporten nach Rumänien angeleiert. Angeblich wurde er 2011? mal wieder hier gesichtet. Gerhard Anton ist im April 2007 endgültig nach Dresden abgedampft, er verabschiedete sich sogar von mir bei einer Hauptversammlung (der letzten an der er teilnahm). “Ich ziehe jetzt endgültig nach Dresden” informierte er mich. “Mit dem Schiff?” habe ich nur zurückgefragt und auf seinen riesigen schwarzen alten Daimler gezeigt. “Ja” meinte er. “Dann wird es ein Abenteuer” sagte ich noch und er entschwand.

Rolf Heidrich (später Aufsichtsratsvorsitzender der AGROS AG und eigentlich der beste den die AGROS jemals hatte) führte die Opposition an und ich war später sein Stellvertreter im Aufsichtsrat. Ein Misstrauensantrag mit Forderung nach einer außerordentlichen Hauptversammlung und einer Sonderprüfung wurde gestellt und auch gewonnen. Der alte Aufsichtsrat der AGROS war damit im Sommer 1992 Geschichte und Teile des damaligen Vorstandes ohnehin davon gelaufen. Der ehemalige Irgendwas für Chemie Heinz Warzecha war auch entschwunden und Arnfried Schurig vom Anwaltsbüro Doerr und Rippert leitete kommissarisch die Geschicke, als ich zu AGROS geriet lief bei allen “Tochterunternehmen” mehr oder weniger die Auflösung. Die einzige die das in geordneten Bahnen hielt war Inge Pfohl. Sie hatte damals vermutlich sogar den Käufer für die “Silberhalle” vermittelt. KAFU – Bremen kam, verhandelte recht freundschaftlich und sicherte eine Übernahme aller Mitarbeiter in den geplanten Edeka-Großmarkt zu. Sie haben nicht viel Brimborium an der Halle gemacht, ein wenig Farbe auf den Fußboden und Regale rein, später trennten sie dann noch zwei separate Räume durch Automatiktüren von der Halle und kühlten sie. Der Edeka-Großmarkt wurde ungefähr 2017 eingestellt. Was jetzt dort stattfindet – keine Ahnung.

Ungefähr im Mai 1992 geriet ich zusammen mit Arnd Schröter, ?Frank Förster, Rolf Heidrich, Gerhard Scholz und Helmfried Schlegel in den 2. Aufsichtsrat der AGROS AG. Vier der Aufsichtsratsmitglieder hatten keine Aktien mehr, sie galten als “Wiedereinrichter” und mindestens drei von ihnen hatten eine “Vermögensauseinandersetzung” schon vor Gründung der AG gefordert.

Lediglich Rolf Heidrich und ich waren Aktionäre. Im Grunde versuchten die “Wiedereinrichter” nur ihre Interessen zu wahren. Die Aktionäre waren ihnen weitgehend egal. Arnd Schröter baggerte an der Oberseifersdorfer Milchviehanlage, um sie ins Eigentum der “Miku” Agrarprodukte GmbH zu bekommen. Das war eigentlich neben der Vermögensauseinandersetzung sein Hauptanliegen damals. Er hat es auch geschafft das ganze 2,5 Mio unter dem nach landwirtschaftlichen Gesichtspunkten geschätztem Wert für die “MIKU” an Land zu ziehen, aber das ist eine spätere Geschichte, in welcher auch das Wirken von Architekt Dawe sowie Karl-Heinz Bindel, damals Agros-Vorstandsvorsitzender und  Geschäftsführer einer AGROS-Tochter, gewürdigt werden wird…

Oh, momentan schwächele ich ein wenig und mir fehlt die Kraft weiterzuschreiben, wer mehr lesen will wie es weitergeht, kann ein wenig über den “Spenden-Button” spenden. Wer es nicht lesen will gibt natürlich viel.

Ich werde einfach abwarten welches Interesse überwiegt. Natürlich könnte auch ein Buch daraus werden, die Geschichte ist lang und Notar Hofmann schuldet mir noch ein Hauptversammlungsprotokoll, samt Bericht was aus meinen Einwänden damals 200x? wurde…

*Agros Agrarprodukte Aktiengesellschaft – Die Firma Agros Agrarprodukte Aktiengesellschaft mit der Postanschrift Löbauer Str. 59 a, 02763 Zittau ist verzeichnet im Handelsregister Dresden unter der Registernummer HRB 2658 nun: Liquidator: Förste, Helga …

Tja, ich hab nun acht Kapitel beisammen und jedes wächst noch, es wird wohl doch ein Buch werden. Einen Verlag der es druckt und vermarktet habe ich auch schon.

 

zu AGROS AG und Mitarbeiter mit “Schlitzen in den Ohren” – Kapitel 1

zu AGROS AG und Mitarbeiter mit “Schlitzen in den Ohren” – Kapitel 2

zu AGROS AG und Mitarbeiter mit “Schlitzen in den Ohren” – Kapitel 3

zu AGROS AG und Mitarbeiter mit “Schlitzen in den Ohren” – Kapitel 4

zu AGROS AG und Mitarbeiter mit “Schlitzen in den Ohren” – Kapitel 5

zu AGROS AG und Mitarbeiter mit “Schlitzen in den Ohren” – Kapitel 6

zu AGROS AG und Mitarbeiter mit “Schlitzen in den Ohren” – Kapitel 7 

zu AGROS AG und Mitarbeiter mit “Schlitzen in den Ohren” – Kapitel 8 

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Über Gerald Fontaine 913 Artikel
In Anlehnung an Annalenas Lebenslauf: Gerald wurde in Zittau geboren. Er studierte zunächst an der Polytechnischen Oberschule 10 Jahre lang den glorreichen Sieg der Oktoberrevolution und die Vorzüge der Diktatur des Proletariats...... steckbrief-fuer-das-publikum Ja, das isses. Informatiker mit polnisch zuerkanntem Doktortitel, sozial engagiert, Journalist, Politiker, Jurist, Wirtschaftskapitän. Wählt mich! Ich hab die Haare schön. Auch zu finden bei Publikum

8 Kommentare

    • Ach ja, das hatte ich schon ganz verdrängt. Irgendwo in der Sesselritze fand Pinoccio übrigens ein paar guemaltekische Quetzales…

  1. Finde Deine Schreibe ziemlich gut, kaum Fehler gefunden und Dein Buch wird zwar kein Bestseller, aber ein ganz wichtiges historisches Zeitdokument.

      • Du bist in meinen Augen ein ziemlich sympathischer bärbeißiger Kolumnist der Gegenwart, ich stelle Dir sehr gerne meine Texte zur Verfügung, habe aber ganz wenig Zeit zur Redigierung meiner eigenen Texte, hat nichts mit Faulheit zu tun, ich bin hier am Verwirklichen von einigen großen Vorhaben.
        Ab Montag hängt hier die durchgestrichene EU-Flagge wieder, gemeinsam mit einer durchgestrichenen Flagge der Ukraine, darüber die Flaggen von Russland und Belarus.
        Gemäß dem Motto: FLAGGEN SAGEN MEHR ALS WORTE.

        • Tja und ich schreibe halt an meinem Buch, also habe ich auch Zeitprobleme. Bist Du unzufrieden wie ich es gelöst habe? Fotos und ein Bericht über Eure Aktion wären nett. Aber pass auf dass Du nicht in die “Verunglimpfung der EU” Falle tappst. Ich meine da wäre die Flagge betreffend irgendein Gesetz erschaffen worden…

          • Da gibt es keine Falle, die durchgestrichene EU-Flagge hing schon 2 Monate lang, bevor ich sie runternahm und die ATOMKRAFT-NEIN DANKE hisste.
            Eine “Verunglimpfung” muß man mir erst nachweisen, könnte doch das durchstreichende X auch zu dem Zweck drauf sein, dass die gelben Sterne nicht herausfallen quasi exitieren……

          • Ach ja ich vergaß, Du bist ja in Österreich. Nein, Germanien hat vor ein oder zwei Jahren so ein EU Flaggen Verunglimpfungs Paragrafen kreiert.

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