Wir konsumieren uns zu Tode.

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Nun zum eigentlichen Thema meiner Existenz: Während unsere Politiker, unsere Konzerne und unsere eigene Dummheit aller Voraussicht nach dafür sorgen werden, dass wir auf Gedeih und Verderb von Öl, Gas und Kohle abhängig bleiben, sollten wir uns kurz einmal klarmachen, dass Hunderte Millionen armer Menschen jeden Tag Holz verbrennen müssen, um über die Runden zu kommen.

Richtig ist: Die Verwendung von Holz zum Kochen trägt in Teilen Afrikas wesentlich zu Abholzung der Wälder bei. In Afrika und Asien wird beim Kochen so viel Holz und Holzkohle verbrannt, dass dabei in beispiellosem Ausmaß Ruß entsteht. Heute wird jedes Jahr mehr Ruß erzeugt als im gesamten Mittelalter. Viele Entwicklungsländer haben mit diesem Problem, das maßgeblich zu kurzfristigen Klimaabweichungen und zum langfristigen Klimawandel beiträgt, zu kämpfen.

Doch der Ruß wird nicht nur von jenen armen Menschen in den armen Ländern produziert, die Tag für Tag Holz und Holzkohle verfeuern müssen, um zu überleben. Auch reiche Menschen (wie wir) in reichen Ländern (wie Großbritannien, Deutschland, den USA, Kanada oder Australien) erzeugen Ruß, und zwar immer dann, wenn wir uns, und unser Zeug, mit Flugzeugen, Schiffen und Autos durch die Gegend befördern. Dieser Ruß aus den Entwicklungs- und aus den entwickelten Ländern (verursacht von Autos, Flugzeugen, Schiffen und Fabriken) erzeugt bräunliche Dunstschichten in der Atmosphäre, sogenannte »Atmospheric Brown Clouds« (ABCs). Die ABCs wirken sich auf die körperliche Gesundheit der Menschen aus, und zwar massiv: Sie verursachen Atemwegserkrankungen und senken die Lebenserwartung. Weltweit sind drei Milliarden Menschen von Luftverschmutzung durch ABCs betroffen.

Die Anzahl der Autos, die seit der Erfindung dieses Fortbewegungsmittels insgesamt produziert wurden, liegt derzeit bei etwa 2,6 Milliarden. Diese Zahl muss man vor dem Hintergrund der zukünftigen Entwicklung sehen: In den nächsten 40 Jahren werden voraussichtlich etwa vier Milliarden weitere Autos von den Bändern rollen.

Was kostet ein Auto? Volkswagen, Ford, Toyota & Co. erzählen uns immer wieder, dass man schon für etwa 12.000 Euro ein neues Auto bekommt. Das stimmt nicht. Sehen wir uns an, was ein Auto wirklich kostet.

Das Eisenerz, der Grundstoff für die Stahlkarosserie des Pkws, muss gefördert werden, zum Beispiel irgendwo in Australien. Von dort wird es auf einem sehr großen und viele Schadstoffe ausstoßenden Frachter irgendwohin transportiert, zum Beispiel nach Indonesien oder Brasilien, wo Stahl daraus gemacht wird. Dieser Stahl wird dann auf einem sehr großen und viele Schadstoffe ausstoßenden Frachter zu einem Autowerk transportiert, zum Beispiel zu uns nach Deutschland.

Auch die Reifen müssen hergestellt werden. Der Kautschuk wird in Malaysia, Thailand oder Indonesien produziert und dann in ein Land verschifft, wo man Reifen daraus macht. Der Kunststoff für das Armaturenbrett beginnt als Öl in der Erde, das gefördert und exportiert werden muss – auf einem sehr großen und viele Schadstoffe ausstoßenden Frachter –, um Kunststoff daraus zu machen. Dieser wird dann zu einem Autowerk transportiert, wo ein Armaturenbrett daraus geformt wird.

Das Leder für die Sitze war mal ein Tier. Die Tiere, die man zu Herstellung der Sitze verwendet – Rinder –, brauchen viel Wasser und viel Futter. Sie wurden irgendwo gezüchtet, vielleicht in Brasilien. Die Häute wurden dann zum Gerben wahrscheinlich nach Indien gebracht. (Kanpur ist das Zentrum der boomenden indischen Lederindustrie, dort wird das Leder der Autositze und Handtaschen für den gesamten europäischen und amerikanischen Markt gegerbt. Die Lederfabriken verseuchen die Luft und den Ganges mit Salzsäure, Chrom und einem ganzen Cocktail weiterer giftiger Chemikalien.) Das gewonnene Leder wird dann zu Fabriken transportiert, wo es zu Sitzbezügen verarbeitet wird.

Das Blei in der Batterie muss, zum Beispiel in China, aus dem Boden geholt, dann verschifft und in eine Batterie eingebaut werden. Diese Batterie muss danach auf einem sehr großen und viele Schadstoffe ausstoßenden Frachter zu Autofabriken in Deutschland, den USA und anderswo transportiert werden. Das alles passiert, bevor auch nur ein einziges Auto zusammengeschraubt, geschweige denn zum Autohaus gebracht worden ist, damit Sie es kaufen können. Und bevor Sie auch nur einen einzigen Liter Benzin getankt haben und Ihren Teil zur Klimaproblematik beitragen. Was kostet also ein Auto? Ein wahres Vermögen.

Die tatsächlichen Kosten der Umweltzerstörung, der Verschmutzung durch Bergbau, Industrie und Güterverkehr, des sich daraus ergebenden Verlusts von Ökosystemen und des Klimawandels müssen sie allerdings nicht bezahlen. Diese »externen Kosten«, wie die Ökonomen das gern nennen, werden Ihnen nicht in Rechnung gestellt. Zumindest noch nicht. Aber irgendjemand wird in Zukunft für diese Kosten – die Folgekosten der Herstellung, die echten Kosten eines Autos – aufkommen müssen. Vielleicht Sie. Vermutlich Ihre Kinder.

Wir sollten uns kurz ins Gedächtnis rufen, dass das Zeug, das wir jeden Tag kaufen, nicht wirklich aus dem Kaufhof, von Aldi, Rewe, aus der Metro, dem Media Markt oder von Amazon kommt. Der ganze Kram wird aus Ländern wie China, Marokko, Brasilien, der Türkei, Spanien, Südkorea und Peru zu uns gebracht. Egal, ob es sich um Spargel, Schlafanzüge oder Elektrogeräte handelt.

Das Zeug, das wir allein in diesem Jahr verbrauchen – japanische Autos, südafrikanische Orangen, peruanischen Spargel, kenianische Schnittblumen, Kinderkleidchen aus Marokko oder Vietnam, Turnschuhe, Laptops, Smartphones oder Fernseher aus China und Südkorea etc. –, füllt an die 500 Millionen Container, die um die Welt verschifft werden müssen. Dazu kommen etliche Milliarden Tonnen Rohstoffe, die die Basis unseres Konsums bilden: Metalle, Phosphate, Getreide, Erdöl, Gas, Kohle …

Schon jetzt gewinnt der Klimawandel immer stärker an Fahrt. Besser gesagt: Das System Erde, von dem das Klima lediglich einen Teil darstellt, verändert sich immer schneller. Die Auswirkungen sind am offensichtlichsten in hohen Breitengraden. Das bedeutet: Wenn wir wissen wollen, wie unsere Zukunft aussehen wird, sollten wir uns zuallererst diese Regionen anschauen. Und dort sieht es gar nicht gut aus. Die Küsten rund um das Nordpolarmeer ziehen sich um durchschnittlich 14 Meter pro Jahr zurück. Die Eisschilde Grönlands und der Antarktis verlieren derzeit jährlich um die 475 Milliarden Tonnen Masse ans Meer. Und das trägt natürlich zum Anstieg des Meeresspiegels bei.

Und was die Sache noch schlimmer macht, vermutlich sogar bedeutend schlimmer: Durch unser Zutun taut der Meeresboden des Arktischen Ozeans auf, was zur Folge hat, dass riesige Mengen Methan freigesetzt werden. Über dem ostsibirischen Schelfmeer beobachteten Forscher kürzlich zum ersten Mal mehr als 100 Methanwolken – einige davon hatten einen Durchmesser von über einem Kilometer –, die aus bislang gefrorenen Speichern entwichen. Die Wissenschaftler, die dieses Phänomen entdeckt hatten, sagten, es habe sich dabei um Wolken eines »nie gesehenen«, geradezu »phantastischen Ausmaßes« gehandelt. Sie gingen davon aus, dass es Tausende solcher Wolken gibt. Das könnte zu sehr ernsthaften Schwierigkeiten führen.

Methan ist ein sehr viel mächtigeres Treibhausgas als Kohlendioxid. Wenn durch das von uns verursachte Auftauen des Meeres- und des Permafrostbodens Methan freigesetzt wird – und genau danach sieht es aus –, wird das jahrzehntelang so weitergehen. Und wir werden absolut nichts dagegen tun können. Die Menge an Methan in der Atmosphäre nimmt alarmierend schnell zu (vermutlich sogar 60 bis 1200 Prozent schneller als bisher angenommen).

Praktisch alle Daten, die wir aus der Arktis erhalten, deuten darauf hin, dass sich die Situation schlimmer – sehr viel schlimmer – darstellt als noch in den dramatischsten Vorhersagen von vor gerade einmal zehn Jahren. Aber natürlich betrifft das nicht nur die Arktis. Es betrifft die ganze Welt.

Und übrigens: Heute ist jedes einzelne Blatt an jedem einzelnen Baum auf dieser Welt einer CO2-Konzentration ausgesetzt, wie es sie auf der Erde seit Millionen von Jahren nicht gegeben hat. Auf welche Weise die Pflanzen unseres Planeten darauf reagieren werden, ist uns bislang schlicht und ergreifend noch nicht vollständig bekannt. Dabei ist das von entscheidender Bedeutung, weil die Pflanzen (vor allem die Wälder) Grundbausteine des globalen Kohlenstoffkreislaufes darstellen.

Alle wissenschaftlichen Erkenntnisse laufen auf eine unumstößliche Tatsache hinaus: Wir stecken in Schwierigkeiten. In ernsthaften Schwierigkeiten. Noch dazu steuern wir gerade auf völlig unbekanntes Terrain zu: Wir wissen nicht, was passieren wird, wenn wir erst einmal zehn Milliarden sind. Nur eines lässt sich jetzt schon vorhersagen: Bessere wird die Situation für uns nicht.


Zuerst erschienen auf f+f Wir konsumieren uns zu Tode. – von Graue-Eule | fisch+fleisch (fischundfleisch.com)

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